Automatenmädchen, oder die Tante aus Amerika

Mit 5 Jahren durfte ich in einem Drama eine Rolle spielen. Das Stück hieß:  „Die Tante aus Amerika“. Diese Tante wollte ihrer einzigen Nichte, da sie selbst keine Kinder hatte, ihr Vermögen vererben. Frau Fleischer reist von Detroit nach Bischofsheim. Hier sind ihre Wurzeln. Hier lebt ihr einziger Bruder, auch kinderlos. In Briefen erzählte er Ihr von seiner vermeintlichen Tochter Pauline. Seine Frau ist ihm abhandengekommen. Ein Automatenmädchen muss für den Besuch der Tante her.

Ein findiger Uhrmachermeister bastelte seit langer Zeit und jetzt mit Erfolg an einem kleinen Automaten. Ein Aufziehmechanismus ließ das künstliche Mädchen sprechen, tanzen und laufen.

Die Nichte spiele ich. Ein Vergnügen mit den erwachsenen  Schauspielern zu üben. Meinen Text konnte ich bald auswendig, sowie das kleine Gedicht, das ich der Tante vortragen sollte.  Ich spiele eine Automatenpuppe, wie aus E. T. A.  Hoffmanns  Erzählungen,  eine Choreografie von Schrittabfolgen,  Armbewegungen, Kopfdrehungen und Körperdrehungen.  Ich fühlte mich wie im sechsten Himmel. Drehungen machten mir besonders viel Spaß, mein Röckchen wippte und flatterte. Mein Höschen hatte Spitzen, die galt es kokett blitzen zu lassen.  (Eine Regieanweisung vom Regisseur). Die Darsteller behandelten mich wie ihresgleichen, ich fühlte mich wie im Paradies.

Ab diesen Moment war ich der Star der Familie. Auch im Kindergarten behandelten  mich meine Freundinnen respektvoller. Für ein paar Wochen ging es mir sehr gut. Meine Mutter nähte mir ein weißes Kleid mit roten Tupfen. Das Oberteil gesmokt, ab Taille fiel der Rock glockig und ließ die Knie frei. Ein weißer Lackgürtel fand sich im Fundus meiner Tante Lotte, die auch Schneiderin war. Meine Zöpfe zierten zwei weiße Taftschleifen. Ein kleines weißes Lacktäschchen und schwarze Lackschuhe mit weißen Kniestrümpfen vollendeten mein Kostüm. Ich genoss die Aufmerksamkeit.

Könnte dieser Zustand immer dauern, doch ich wusste, nach diesen drei Vorstellungen bin ich wieder Juliane Grün und nicht Pauline Fischer.

Die Bühne befand sich im großen Saal der Heurich – Brauerei, zweihundert Menschen fanden darin Platz. Meine Familie saß in der ersten Reihe, sie hatten alle, auch mein Opapa, ihre besten Kleider an. Ich war glücklich in meinem schönen Kleid und bekam so viel rote Limonade wie ich wollte.  Meine Schwester saß mit erwartungsvoller  Miene neben Mutter. Sie war neugierig, wie ich meine Rolle spielen würde.

Der Vorhang öffnet sich, ich stehe in Position, mein Bühnenvater mit einem Staubmantel, Hut und Regenschirm neben mir. Tante Fleischer mit einem Diener, der ihre Koffer trägt, betritt die Bühne und kommt auf uns zu.  Sie begrüßen sich, reden, sind sich fremd. Ich laufe mit meinen Automatenschritten auf sie zu, knickse und stimme mein Singsang Gedicht an.  Oh my Darling, what a nice Girl! Sie will mich umarmen, mein Vater schickt mich weg, ich bin ein Automat, sie würde es spüren. Tante, es ist spät, Pauline muss ins Bett. Morgen wird sie wieder da sein.

Das Stück ist tragisch, viele im Saal weinen, die Tante wird angelogen, denn es geht um viel Geld. Zweimal noch bin ich auf der Bühne, tanze, spreche abgehackt, knickse, bin am Schluss wie ein Derwisch, drehe mich immer weiter, bis mein Automatismus sich beendet.  Stehe halb in der Drehung erstarrt mit offenem Mund. Es ist das Ende des 2. Aktes. Danach agieren die Erwachsenen.

Der Vorhang fällt, viel Applaus, viel Vorhänge. Ich weine hemmungslos, es war viel Aufregung und ich gab alles.

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